Jasmin SchellingEssays & Notizen
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Essay 02 · 13. Oktober 2026 · 4 Min. Lesezeit

der kurze geduldsfaden

Ich habe einen kurzen Geduldsfaden. Mal hält er drei Stunden Einschlafbegleitung, mal keine drei Minuten Kochen. Schlaf ist ausschlaggebend. Sport auch. Ob ich gesund bin oder krank. Alkohol oder keiner. Gut essen oder nicht.

Und dann sind da noch die Kinder. Wenn sie schlecht drauf sind, brauchen sie am meisten Geduld von mir. Genau dann habe ich oft am wenigsten. Ja, ich weiß, wie das klingt. Wo kein Richter, da kein Henker. Wobei ich selbst meine größte Richterin bin. So, you don’t have to judge me. Aber zurück zur Sache: Sind wir beide schlecht drauf, setzt in meinem Kopf was aus.

Was dann aussetzt, hat mein Mann irgendwann ausgesprochen: Er finde es schon bedenklich, wie oft ich explodiere. Wie oft ich meckere. Wie oft ich die Kinder anschreie. Es war sehr oft. Ich war unzufrieden, mit mir, mit meinem Zustand, mit meinem Leben. Dazu kam der Druck, einen Job zu finden, und wieder die Frage: Bin ich wirklich nur Mama, Ehefrau, Hausfrau? Ich saß mit einem Knoten im Kopf fest.

Lass mich dir eine Szene vorspielen:

SZENE 1 / NACHMITTAG / KÜCHE

Ich koche. Eigentlich will ich meine Ruhe haben. Eigentlich finde ich es schön, wenn die Kinder da sind. Sie sind dann aber so aufgekratzt nach der Kita und kurz vor dem Abend, dass sie überall rumspringen, Sachen rausreißen, auf Stühle und Tische klettern, helfen wollen, alles umschmeißen. Sie sitzen schon am Tisch und verlangen Essen, obwohl noch nichts fertig ist. Oder es ist fertig, und sie fangen alleine an. Ich bin selten so gefragt wie zwischen Herd und Kühlschrank.

Dann platze ich. Ich sehe es kommen und kann nichts dagegen machen. Es überkommt mich. Und sofort ruft mein Kopf: böse Mutter. Die ihre armen Kinder anschreit, statt sie zu begleiten. Ich wollte nie diese Mutter sein. Wo kommt es eigentlich her, dass mein Kopf bei jedem Fehler sofort „Und der Preis für die böse Mutter geht an …“ ruft? Das Drehbuch kann doch nur ein Mann geschrieben haben. Hello, Patriarchat!

Wenn die Luft raus ist, entschuldige ich mich. Oft. Es klingt ungefähr so: „Es tut mir leid, dass ich gerade so laut geworden bin. Das war nicht richtig.“ Die Kinder können damit noch nicht viel anfangen. Manchmal sagt eines Danke. Wenn nichts kommt, sage ich es trotzdem. Irgendwo dürfen sie ja lernen, dass es eine Stärke ist, einen Fehler zuzugeben.

Nächste Szene:

SZENE 2 / ABEND / KINDERZIMMER / BODEN NEBEN DEM BETT

Am schlimmsten ist die Einschlafbegleitung, meine ultimative Geduldsprobe. Ich verliere sie regelmäßig. Und, ja, es macht einen Unterschied, bei welchem Kind ich bin. Bei dem einen habe ich Geduld. Beim anderen habe ich bei der Einschlafbegleitung wahrscheinlich schon sehr viel hergegeben. Wenn ich an die Abende zurückdenke, an denen wir drei Stunden nebeneinander lagen, bis das Kind endlich eingeschlafen ist, möchte ich am liebsten rückwirkend Überstunden abrechnen. Mit Nachtzuschlag. Like, what the fuck! Ich höre jetzt Hörbücher dabei. Das beruhigt mich, ich kann mich ablenken. Am meisten nervt mich der Boden neben dem Bett, auf dem ich sitze, bis das Kind eingeschlafen ist. Das geht so verdammt auf den Rücken. Dafür habe ich noch keine Lösung gefunden. Any tips?

Die Hörbücher sind nicht die einzige Anpassung. Nach dem Satz meines Mannes habe ich einiges verändert, um wieder mehr zu meiner Mitte zu finden. Das hilft bei der Geduld, aber auch beim Körpergefühl und der allgemeinen Laune. Seitdem bin ich Bike-Mom (häh, what happened?). Ich mache Pilates. Ich mache Pole Dance (super geil für den Core und somit für den Beckenboden). Ich gehe aufs Laufband. Alter, wer hätte gedacht, dass es mir Spaß macht, laufen zu gehen. Ich jedenfalls nicht.

Das Handy bekommt auch mehr Ruhepausen von mir. Meinen Social-Media-Konsum habe ich seeeeehr stark reduziert. Nicht auf null. Die App ist vom Handy runter, und auf Insta komme ich nur noch über den Browser mit Bildschirmzeit. Abends lese ich jetzt stattdessen. What?? Und ich mache das hier, schreiben.

Irgendwo zwischen Laufband, Buch und Tastatur ist der Knoten geplatzt. Ich muss gerade keinen Job haben, um glücklich zu sein.

Der Faden ist schon ein bisschen länger geworden. Manchmal hilft Ein- und Ausatmen sehr. Manchmal hilft es, kurz alles in ein Kissen zu schreien. Und manchmal überrollt sie mich doch noch, die Wut. Wie bei meinen Kindern, als hätte ich es selbst nicht gelernt, mich zu regulieren.